Karl Neger

Stadtmarschall Mainzer Prinzengarde e.V.

Benennung zum Stadtmarschall: 01.01.1992

Die Mainzer Prinzengarde 

Unter einem Jubiläum versteht man eine Erinnerungsfeier bei der Wiederkehr eines besonderen Datums. Es leitet sich ursprünglich aus dem kirchlichen „Jubeljahr“ – annus jubilaeus - her, das früher nur alle 50, schon bald aber alle 25 Jahre gefeiert wurde. Mittlerweile hat es sich eingebürgert, jede jährliche Wiederkehr als Jubiläum zu bezeichnen. Neben dem Jahrestag werden bereits alle Vielfachen von 100, 50, 25, 10 ja sogar von 5 als „besondere“ Jubiläen gehandelt. Im närrischen Mainz sind selbstverständlich auch alle durch die Zahl 11 teilbaren Vereinsjahre Anlass für besondere Festivitäten. Warum werden Jubiläen nun gerade von Fastnachtsgarden und -vereinen mit besonderer Hingabe begangen? Man ist bestrebt, das Jubiläum mit allen Mitgliedern, Freunden, aber auch mit „Messfremden“ selbstbewusst, fröhlich und der Zukunft zugewendet zu begehen. Frühere Ereignisse sollen in Erinnerung gebracht und natürlich auch gehalten werden, die im Rückblick die Garde- und Vereinsentwicklung von den Anfängen bis in die Gegenwart gefördert haben. Es soll verdeutlicht werden, dass sich die Garde quasi als ideale „Gesellschaft für alle Lebensalter“ mit ihren vielfältigen Angeboten an bedeutenden kulturellen und gesellschaftlichen Aufgaben der Heimatstadt aktiv beteiligt. Mit den Veranstaltungen will man unterstreichen und öffentlich machen, dass die kommunale Förderung der Garde- und Vereinsaktivitäten unverzichtbar bleibt.

In den nachfolgenden Ausführungen werden die Charakteristika hervorgehoben, welche die nunmehr 125 Jahre jung werdende Mainzer Prinzengarde als eine der Mainzer Traditionsgarden besonders auszeichnen. 1884 ist das Jahr, in welchem sich der im Deutschen Reich, aber auch in Europa zu beobachtende Aufschwung in vielen Bereichen besonders deutlich bemerkbar macht. In Berlin legt der spätere deutsche Kaiser Wilhelm II. den Grundstein für das Reichstagsgebäude. Das erste steuerbare Luftschiff, die La France, kreist eine Runde über dem kleinen französischen Ort Chalais-Mendon. Die in New Orleans, Louisiana, stattfindende Weltausstellung erweist sich als technische und kunsthandwerkliche Leistungsschau von höchstem Rang. Im deutschen Kaiserreich tritt die Krankenversicherung für Arbeiter in Kraft. Ein Drittel der Beiträge bringen die Arbeitgeber auf, zwei Drittel die Arbeitnehmer. Die Reform ist ein Meilenstein in der Geschichte der Sozialversicherung in Deutschland. Im kulturellen Bereich ist die Enthüllung des Bach-Denkmals in Eisenach zu vermelden. Mark Twain schreibt Die Abenteuer des Huckleberry Finn. 

Der Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts nach vielen Jahren der Depression auch in der Stadt Mainz wieder zu Tage tretende wirtschaftliche Aufschwung dokumentiert sich u. a. im Bau der 1884 eingeweihten Stadthalle als neuer Narrhalla und in der im gleichen Jahr erfolgten Gründung einer neuen Fastnachtsgarde: Der Prinzengarde, seinerzeit noch „Verein Prinzengarde“ genannt. Mit ihr beabsichtigt man als repräsentativer Garde das Ansehen der Straßenfastnacht zu heben. Die Garde gibt sich eine Satzung, in welcher man die Aufgaben umschreibt, denen man sich bis heute verpflichtet fühlt. Pflege, Förderung und Erhaltung des karnevalistischen Gedankens, vor allem durch Ausgestaltung des fastnachtlichen Festes und Pflege des darin enthaltenen Kulturgutes.

Im gardeeigenen Archiv finden sich jedoch Belege, dass schon lange Jahre vor 1884 eine Prinzengarde an den tollen Tagen in Mainz hervorgetreten ist. Bereits in der Kampagne 1861/62 nimmt die Prinzengarde an den närrischen Scharmützeln teil. Auch für die folgende Kampagne lassen sich zahlreiche Prinzengardeaktivitäten nachweisen. Von 1863 an liegen dann für lange Jahre jedoch keine Nachrichten mehr über die Garde vor. Das ist aber keineswegs besonders verwunderlich. Im 19. Jahrhundert werden die Garden und sonstigen fastnachtlichen Gruppierungen zur jeweils anstehenden Kampagne ins Leben gerufen; nach Aschermittwoch lösen sie sich wieder auf, nicht ohne ihre erwirtschafteten finanziellen Überschüsse für soziale Zwecke zur Verfügung zu stellen. Zum folgenden 11ten im 11ten kommt es dann, wann immer möglich, zu einer Neukonstituierung. Somit lässt sich erst mit der 1884 erfolgten Gründung des Vereins Mainzer Prinzengarde und der ausgearbeiteten Vereinssatzung eine ungebrochene Kontinuität im Gardeleben festhalten. 

Für die Auftritte und Umzüge wählt man 1884 zunächst eine in Schnitt und Farbe der Uniform der kurmainzischen Füsiliere vor der französischen Revolution ähnelnden Montur. Wenige Jahre später entscheidet man sich für Uniformen wie sie von den Wallenstein’schen Reitern getragen wurden, ehe man nach dem 1. Weltkrieg die heute noch getragene Uniform der langen Kerls des alten Fritz einführt. Die Mitglieder der Garde rekrutierten und rekrutieren sich aus dem gehobenen städtischen Bürgertum; stets gab und gibt es enge Verflechtungen zu den städtischen Führungsgremien und zu
führenden Unternehmen der heimischen Wirtschaft. Ein Charakteristikum der Garde ist auch, dass sie sich im Gegensatz zu allen anderen Mainzer Garden nur aus Männern zusammensetzt. Selbst die Marketenderin wird - einmalig in Mainz - seit Gardegründung von einem Mann dargestellt. Mädchen können nur bis zu ihrem vollendete 14. Lebensjahr die Gardeuniform tragen. Danach schließen sie sich anderen fastnachtlichen Korporationen an, in aller Regel der Gonsenheimer Füsiliergarde, bei deren Gründung die Prinzengarde im übrigen Pate gestanden hat. Ein weiteres kennzeichnendes Merkmal ist die große personelle Kontinuität. Für gewöhnlich üben die Präsidenten und Generäle der Garde ihre Ämter über viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte hinweg aus, prägen und formen die Garde somit zu einem großen Kreis an aktiven und inaktiven Freunden, deren Zahl sich von 1884 bis zum heutigen Tag stets zwischen 350 und 400 bewegt. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang vor allem an die Namen der Generalfeldmarschälle und Präsidenten Jean Dremmel, Georg Drescher, Peter Spangenmacher, Diether Hummel, Karl Neger, Hermann Stefan Keller und andere mehr. Heute steht die Garde unter dem Kommando des Generalfeldmarschalls Harald Faerber und des Präsidenten Karl Otto Armbrüster.

Abgesehen von den Kriegs- und Nachkriegsjahren ist die Garde immer „aktiv“ gewesen. Selbst wenn der Mainzer Carneval Verein sich als federführender Verein für die Straßenfastnacht genötigt sieht, die offiziellen Umzüge aus unterschiedlichen Gründen abzusagen, lässt es sich die Prinzengarde meist nicht nehmen, allein oder in Absprache mit anderen Garden Umzüge und Lagerfeste zu organisieren. Ihre Feldlager schlägt die Garde bis in die 1950er Jahre stets auf markanten Plätzen der Innenstadt auf. In den Zelten treffen sich vor und nach den Umzügen nicht nur die Offiziere, Gardisten und Spielleute. Es findet sich stets auch eine stattliche Zahl an „Fastnachtsoffiziellen“, städtischen Repräsentanten und Honoratioren sowie an Bürgern und
Bürgerinnen aus Nah und Fern ein zu einem geselligen, oft bis zu der von dem Trommlerkorps geschlagenen Reveille währenden Beisammensein. Die Gardekapelle spielt zum Tanz auf und man vergnügt sich an verschiedenen Darbietungen. Für die Jugend der Garde und der Stadt stehen Kletterbäume eben so parat wie Pferdekarussells, ein Hauden-Lukas und ähnliche Dinge.

Von ihrer Gründung an belebt die Garde die fastnachtlichen Aktivitäten und Bräuche durch neue Elemente. An erster Stelle ist hier sicher die Rekrutenvereidigung zu nennen. Hat der Gardegeneral an Fastnachtsamstag ursprünglich nur die Rekruten der eigenen Garde auf Gott Jocus vereidigt, so nimmt er heute die vereinigten Rekruten aller Mainzer Garden in die Pflicht, sich nicht zu fürchten vor de’ größte’ Schoppe’ (Wein) un’ de’ dickste’ Werscht (Würsten). - Eine herrliche Persiflage auf die Verhältnisse in der ehemaligen Garnisonsstadt. Aus den früher veranstalteten großen Instrumental-
und Vocal-Concerten haben sich im Laufe der Zeit die heutigen beliebten und stets gut besuchten Gardesitzungen entwickelt.

Den Start in die neue Kampagne begeht die Garde bis zum Zweiten Weltkrieg jeweils mit der traditionellen Martinikerb, einem in der Stadthalle organisierten und mit viel Aufwand durchgeführten Hallenjahrmarkt mit Tanz und Gesang, Karussells, Dosenwerfen, Nageleinschlagen und selbstverständlich der Verlosung von Martinigänsen. Eine gewisse Fortsetzung hat die Martinikerb in dem von Hermann Keller mit Hilfe eines Freundeskreises aus der Taufe gehobenen und bis heute bestehenden Herbstmanöver gefunden. Junge Redner, Sänger und Scheierborzeler erhalten im gardeeigenen Rahmen das willkommene Forum für einen ersten Auftritt auf der närrischen Rostra. In Mainz und seinem weiteren Umland sind die von der Garde veranstalteten Bälle Legende. Mit dem letzten heute noch in allen Räumlichkeiten der Rheingoldhalle durchgeführten Ball hat sich die Garde erfolgreich gegen das schleichende Sterben der großen Bälle an Fastnacht gestemmt. 

Als erste Garde in Mainz verfügt die Prinzengarde 1937 an der Seite ihres Generalfeldmarschalls Diether Hummel über eine Kommandeuse – Hildegard Kühne. Da sie die darauf folgende Kampagne nunmehr an der Seite von Martin Ohaus als Prinzessin bestreitet, übernimmt die bekannte Springreiterin Irmgard von Opel das vakante Amt in der Garde. Aus den Reihen der Prinzengarde sind auch mehrere Prinzen hervorgegangen – Martin Ohaus (1938), Carlo von Opel (1962), Karl Neger (1963), Rolf Kiefer (1974), Stefan Thurn (1995) und Matthias Diehl (2000). Bei den Umzügen, sei es an Neujahr oder an Fastnachtsonntag, ist die Prinzengarde immer wieder für einen besonderen Gag gut. Man scheut sich dabei keineswegs, sich selbst „auf den Arm zu nehmen“.

So ziehen 11 leicht fröstelnde, auf einem überdimensionierten Metallpferd, das zudem noch Wasser lassen kann, sitzende Gardeoffiziere jubilierend durch die Straßen der Stadt. In einem anderen Jahr bildet man mit auf einen Pritschenwagen montierten Holzpferden eine Reitschule für angehende
Rosenmontagsreiter. Da sie den Startschuss zum Neujahrsumzug überhört haben und folglich noch nicht in ordnungsgemäße „Wichs“ gekleidet sind, folgen Offiziere dem Trommlerkorps schon mal mit hastig über geworfenem Uniformrock unter dem aber die Schlafanzughosen verschiedenster Couleur hervorschauen. Noch fataler gestaltet sich die Situation für eine ganze Reihe von Offizieren, die den Neujahrsmorgen total verschlafen haben. Sie werden dem Gros der Garde bei Schnee und Eis auf Bundesbahnwägelchen unter dicken Daunendecken liegend eilends nachgeführt. Die Uniformen hängen fein säuberlich auf Bügeln an den Wägelchen. Nicht vergessen werden darf auch, dass es die Prinzengarde ist, die den heute aus Mainz nicht mehr wegzudenkenden Schlachtruf „Helau“ von einem Besuch in Düsseldorf mitgebracht hat. Den Trommler als Symbol der Garde hat man den Bürgern der Stadt Mainz 1995 anlässlich des 111. Gardejubiläums in lebensgroßer Bronzeform geschenkt. Seitdem begrüßt er am Schillerplatz verschmitzt lächelnd, seitlich zwischen Gouvernement und Fastnachtsbrunnen stehend, Mainzer, Meenzer und auch Määnzer mit leisem Trommelwirbel.

Seit dem Jahre 2015 hat die Mainzer Prinzengarde übrigens wieder eine Kommandeurin und zwar die Enkelin von Frau Irmgard von Opel, Frau Jeanette von Opel. Insofern ist die Tradition in der Mainzer Prinzengarde wieder einmal gewahrt worden.